Etwas über Proteste

Von Otto Protzen.
Yacht No.38 / 1912



Die großen Segelschlachten von 1912 sind zu Ende!

Die Kämpfe in den einzelnen Klassen sind schärfer denn je gewesen, teils wegen der Gleichwertigkeit des Yacht-Materials, teils weil durch langjährige Übung ein Stamm von Steuerleuten erzogen ist, der sich in Bezug auf seglerisches Können ungefähr die Waage hält.
Mit diesem erfreulichen Zeichen des Aufblühens ist aber in unserem Yachtsport eine sehr bedauerliche Erscheinung zutage getreten:

Die Zahl der Proteste hat eine Höhe erreicht wie niemals zuvor; die Rennen werden nicht mehr mit frisch-fröhlichem Sporteifer, sondern mit finsterer Verbissenheit durchgekämpft, und wer mitten im Renngetriebe steht, wird leicht beobachten können, dass sich bereits hier und da statt achtungsvoller Kameradschaftlichkeit eine persönliche Animosität gegen den einen oder andem Steuermann festgesetzt hat. Diese Übelstände sollten nicht einreißen in einem vornehmen Herrensport, als den wir doch alle das Bestreben haben sollten, unsere schöne Segelei zu gestalten. Gegenseitige Verärgerung führt zu nichts, sondern schadet nur dem Sport, von dem sich in solchem Falle die feinfühligeren Elemente zurückziehen, und schadet dem Endzweck allen Sports: der Stählung der Gesundheit und der ritterlichen Mannestugenden.

Man sollte nun meinen, dass durch die mit peinlichem Fleiße ausgearbeiteten Wettsegelbestimmungen, die auf Grund langjähriger Erfahrungen durch internationalen Beschluss festgelegt sind, jeder Zweifel, jedes Missverständnis von Seiten der Wettsegelnden ausgeschlossen sein sollte über das, was erlaubt und was nicht erlaubt ist. In Wirklichkeit ist dem jedoch bei uns zulande nicht so, da es zwar viele gibt, die mit Begeisterung segeln, aber sehr wenige, die es lieben, sich mit der grauen Theorie der Paragraphen im stillen Kämmerlein zu befassen. Es ist erschreckend zu bemerken, welche Unkenntnis oft bei den erfahrensten Steuerleuten in dieser Beziehung manchmal zutage tritt.

Diese nicht von Sachkenntnis angekränkelten Segler sind jedoch noch die Harmlosen, welche schnell eines Bessern belehrt werden können durch einen in aller Freundschaft und Ruhe gegen sie eingebrachten Protest bei den Schiedsrichtern, falls anderes nicht fruchtet.

Wenn ich aber den Beweggründen einer großen Zahl von Protesten nachforsche, welche in letzter Zeit anhängig gemacht worden sind, so glaube ich die Beobachtung gemacht zu haben, dass diese nicht aus der Unkenntnis des Sünders, nicht aus der Hitze des Wettkampfes entstanden sind, sondern, dass gerade von manchen guten Steuerleuten oft mit kühler Überlegung Situationen geschaffen wurden, auf denen ein Protest aufgebaut werden konnte, oder dass plötzliche Zwangslagen, in die der Gegner durch nicht absehbare Umstände gekommen war, ausgenutzt wurden, um ihn ins Unrecht zu setzen und seines oft ehrlich ersegelten Preises verlustig zu machen.

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